Die Unruhestätte des Landpflegers

Die Schweiz hat rund 7.000 Seen. In einem davon soll ein berühmter römischer Landpfleger seine letzte (Un-)Ruhe gefunden haben

 

Furchtsam, aber entschlossen bewegt sich die Prozession dem Gipfel entgegen. Wir schreiben das Jahr 1585. Angeführt vom Pfarrer von Luzern steigt eine Schar Bürger auf den Hausberg der Stadt, um die Gegend von einem Bann zu befreien. Zweihundert Jahre zuvor, im Jahr 1387, waren sechs Geistliche noch mit Gefängnis bestraft worden, weil sie das gleiche versuchten: zu sehen, was es mit der Geschichte auf sich hat, dass Pontius Pilatus, der römische Landpfleger, hier oben seine letzte Ruhestätte gefunden haben soll. Denn nur hier, zwischen den kahlen Felsen, soll es Platz gegeben haben für seine Seele.

Oder ist es nicht besser, von seiner Unruhstätte zu sprechen? Denn eine Seele wie die des Pontius Pilatus kann unmöglich ihre Ruhe finden. Wie anders wäre es zu erklären, dass hier oben manchmal gewaltige Stürme toben? Und die Seele des Pilatus, so heißt es, hält hier jedes Jahr am Karfreitag Gericht, um sich dann die Hände wie in der Bibelvorlage in Unschuld zu waschen – im See auf dem Pilatusberg.

Die steilste Zahnradbahn der Welt erklimmt den Pilatus

Um den Landpfleger nicht zu erzürnen, erlässt der Rat der Stadt Luzern ein Verbot, den Berg zu besteigen. Selbst die Sennen auf der Alp werden per Eid verpflichtet, die Nähe jenes dunklen Sees zu meiden, wo der römische Landpfleger sein Unwesen treibt. Der Berg ist tabu. Denn er ist voll heulender Geister und kleinen Bergmännchen, die Kühe durch die Luft fliegen lassen. Außerdem werden immer wieder Feuerkugeln und flammenspeiende Drachen gesichtet.

Der Pilatus ist ein sagenhafter Berg voller Mythen und Geheimnisse. Wer ihn besteigen will, braucht eine amtliche Bewilligung. Und Mut. Zumindest bis ins Jahr 1585. Denn der Coup der wackeren Bürger gelingt. Die mutige Schar wirft Steine in den See und wühlt das Wasser auf. Besonders tapfere unter ihnen wagen es sogar, durch den See zu waten. Und um sicher zu sein, dass der Geist seine gewitterbringenden Aktivitäten einstellt, gräbt man wenige Jahre später den Teich ab und legt ihn trocken. Erst 1980 wagt man es, den Damm wieder zu schließen: Der stille See ist heute wieder zum Leben erwacht. Der Geist des Pilatus scheint beruhigt.

Unterwegs mit der steilsten Zahnradbahn der Welt

Heute ist der Pilatus ein beliebtes Ausflugsziel für Jung und Alt. Spektakulär ist schon die Fahrt nach oben: von Alpnachstad (zu erreichen von Luzern aus mit Auto, Bahn oder mit dem Boot über den Vierwaldstätter See) führt die steilste Zahnradbahn der Welt nach oben. Als der Ingenieur Eduard Locher im 19. Jahrhundert die Idee hatte, eine Bahn auf den Pilatus zu bauen, hielten ihn viele für verrückt. Er machte sich trotzdem ans Werk. 1889 konnte er seine Bahn eröffnen, die Steigungen bis 48 Prozent mühelos bewältigt. Der geniale Trick des Konstrukteurs: statt eines vertikalen Zahnrads hat die Bahn zwei horizontale angelegte Zahnräder.

Von der Bergstation und dem Hotel Pilatus Kulm führen verschiedene Wanderwege in die Bergwelt über Luzern. Der Drachenweg ist in einer guten Viertelstunde auch von Rollstuhlfahrern zu bewältigen. Er führt durch die Felsengalerie mit wunderschönen Ausblicken auf den Vierwaldstätter See. Der Weg zum Tomlishorn dauert rund eine Dreiviertelstunde und führt vorbei am Echoloch, das seinen Namen nicht zu Unrecht trägt. Für Freunde der Flora: Auf dem ausgeschilderten Blumenpfad, der dem Weg zum Tomlishorn folgt, gibt es über hundert verschiedene Blumenarten, die auf Schildern näher bezeichnet sind. Die Steinböcke am Pilatus zählen übrigens zu den begehrten Touristenattraktionen. Seit über 40 Jahren lebt hier Steinwild.

Wer sich auf den Esel mit seinen 2118 Höhenmetern oder auf den Oberhaupt (2106 Höhenmeter) wagt (jeweils ca. 15 Minuten), genießt einen 360-Grad-Rundumblick, der das Alpenmassiv mit dem Bergdreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau ebenso mit einschließt wie den Schwarzwald, den Säntis und sechs Seen – gute Sicht vorausgesetzt!

Hinab geht es mit der Luftseilbahn nach Fräkmüntegg. Den schweizerdeutschen Namen hat die Mittelstation von der ursprünglich lateinischen Bezeichnung für den Pilatus: Fractus Mons, der „gebrochene Berg“. Frakmont oder Fräkmünd hieß der Berg bis ins Mittelalter. Fräkmüntegg ist besonders bei den Kindern beliebt, denn hier gibt es eine Sommerrodelbahn und einen Seilpark.

Wer möchte, kann von hier aus zur nächsten Mittelstation Krienseregg wandern (ca. 45 Minuten) und dort zur Seilbahn zusteigen. Wem das als Wanderstrecke nicht reicht, der kann bis hinunter zur Talstation Kriens zu Fuß gehen (ca. weitere 45 Minuten) oder sich in Krienseregg ein Trottinett nehmen und in zehn Minuten auf geteerter Straße zur Talstation rollern. Aber Achtung: manch einer hat die Kraft der Vorderbremse dieser Tretroller unterschätzt und ist auf der Nase gelandet.

Ob Pontius Pilatus hier tatsächlich seine letzte Ruhe gefunden hat? Wenn ja, dann hat er sich einen der schönsten Flecken in der Schweizer Bergwelt herausgesucht. Wenn nein, dann muss man es halten wie die Italiener: „Se non è vero, è ben trovato“ – ist es nicht wahr, so ist es doch schön erfunden!

Kostenlose Informationen zur Schweiz unter Tel. 00 800 100 200 30 oder im Internet unter www.myswitzerland.com

 

 

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