Genuss im Reich der Langbärte

Die Langobarden beherrschten einst die Lombardei. Mancher Forscher führt den Namen auf „Langbart“ zurück.
Die Bärte sind heute weg. Aber vom Genießen, davon verstehen sie was

 

Von Fred Heine (Text und Bilder)

 

Manchmal versteht der alte Fausto die Welt nicht mehr. Zum Beispiel dann, wenn seine Söhne und Enkel in den Weinberg gehen und die Reben beschneiden. Selbst solche Trauben nehmen sie vom Weinstock, die doch guten Ertrag bringen könnten. In seinen besten Zeiten hat der heute 81-Jährige über 80.000 Flaschen produziert, sein Nachwuchs bringt es gerade mal auf die Hälfte. Und das alles machen sie, wie sie sagen, wegen der besseren Qualität. Dabei hat sein Wein doch immer allen gut geschmeckt …

Doch es gibt Momente, da wird der alte Winzer wieder mit der Welt versöhnt. Dann, wenn er einen der edlen Tropfen seines Weinguts im Glase hat. Fausto ist Bianchista. So nennt man in Italien die Liebhaber von Weißweinen. Und auf den Weißwein aus seinem Haus lässt er nichts kommen. Er trinkt ihn, über alle Regeln der Kenner hinweg, zu allem, was auf den Tisch kommt. Ob zu Fisch, Fleisch, oder Meeresfrüchten, zum Dessert oder einfach so, Fausto und sein Weißwein sind so eng miteinander verbunden, dass seine Kinder den Wein nach ihm benannt haben. „Fausto“ ist eine Mischung aus der nur in Norditalien vorkommenden Rebsorte Trebbiano di Soave und Chardonnay. Wer ihn trinkt, der wird Fausto sofort verstehen. Der goldgelb schimmernde Wein hat einen Hauch von reifem Pfirsich, sein Duft erinnert an Tropenfrüchte. Gelesen werden seine Trauben über einen längeren Zeitraum, denn nur die jeweils reifen Früchte werden vom Rebstock genommen und wandern in die Maische. Sensationell wie der Wein ist auch sein Preis. Wer den vielfach ausgezeichneten Tropfen direkt beim Winzer kauft (woanders wird es ihn, mangels Maße, vermutlich gar nicht geben), zahlt nur fünf Euro pro Flasche. Vielleicht ist das ein kleines Geschenk des alten Fausto an die vielen Bianchistas dieser Welt, die ihm in ihrer heimlichen Leidenschaft verbunden sind.

Perlwein und das schönste Autorennen der Welt

Aber nicht nur der alte Fausto macht die Provinz Brescia in der Lombardei zu einem Refugium für Genießer. Hier, zwischen dem Lago d’Iseo und dem Gardasee, gedeihen Genüsse der ganz besonderen Art. Neben Weinen  werden hier Olivenöle in Spitzenqualität und die berühmten Hartkäse Parmesan und Grana Padano hergestellt. Und nicht zu vergessen die exzellenten Schaumweine aus der Franciacorta. Die Region südlich des Iseosees hat sich in den vergangenen Jahrzehnten einen Namen gemacht mit ihren edlen Spumantes.

Der negative Beiklang dieses „Cousins zweiten Grades des Champagners“ hat nichts mit der Realität zu tun: Die Trauben der Franciacorta wachsen auf steinigem Gletscherboden und geben den Weinen viel Mineralität. Und weil sie weit mehr Sonne bekommen als die meisten anderen Schaumweine dieser Welt – der Champagner eingeschlossen –, haben sie zudem eine enorme mediterrane Frische. Chardonnay, Pinot Bianco und Pinot Nero sind die drei wichtigsten Sorten in der Franciacorta. Die ersten beiden sind vermutlich schon vor tausend Jahren mit Mönchen aus dem Burgund gekommen.

Schaumweine, Spumantes auf Italienisch, gab es schon bei den alten Römern. In der Renaissance wurden sie, wie so vieles aus der alten Zeit, wiederentdeckt. Dabei haben die Menschen damals gar nicht verstanden, wie ein solcher Perlwein überhaupt entsteht, denn Kohlensäure und die Wirkung von Hefe im Reifungsprozess waren noch unbekannt. Deshalb umgab die Schaumweine immer auch eine Aura des Rätselhaften. Schon in der frühen Neuzeit um das Jahr 1600 werden Schaumweine aus der Franciacorta beschrieben. Trotzdem sind sie über Jahrhunderte fast unbekannt geblieben, weil ihn die Winzer und ihre Familien lieber selber getrunken haben, als sie an Kaiser und Könige zu liefern – das taten stattdessen die Winzer der Champagne.

Das Hauptereignis der Region ist aber ein Autorennen. Und nicht nur irgendein Autorennen, sondern, wie es der Autopionier Enzo Ferrari nannte, „das schönste Autorennen der Welt“. Die lombardischen Genießer geben sich nicht mit weniger als 80 Jahren Leidenschaft, Emotion und Tradition zufrieden. Und so startet jedes Jahr im Mai in Brescia eine „Tausend-Meilen-Polonaise“ der schönsten Oldtimer der Automobilgeschichte zu einem Rennen der ganz besonderen Art. Meiserwerke der Autotechnik und des Designs verzücken auf ihrem Weg nach Rom und wieder zurück die Herzen von Autofans aus aller Welt.

Faszinierende Schönheit ohne den Duft nach Motoröl und ungefilterten Abgasen? Auch davon hat Brescia viel zu bieten. 2011 wurde das Kloster Santa Giulia und das archäologische Areal des Kapitols in das Verzeichnis der Weltkulturerbestätten der UNESCO aufgenommen. Der monumentale Komplex von San Salvatore und Santa Giulia wurde 753 als Frauenkloster des Benediktinerordens gegründet. Die ornamentale Ausschmückung ist einzigartig und wurde erst in den vergangenen Jahren hervorragend restauriert. Die vielen Ausgrabungen zeigen sehr schön, welch Blüte die Stadt unter den Römern und den Langobarden erreichte. Zu den Höhepunkten des Museums zählt ganz sicher auch die Skulptur der „Vittoria Alata“ (die geflügelte Siegesgöttin). Kostbarstes Stück des Stadtmuseums ist aber das Langobardenkreuz des Desiderius, des letzten Langobardenkönigs, der nach der Kapitulation vor Karl dem Großen um 786 in Klosterhaft verstarb. Das Kreuz ist geschmückt mit hunderten schönster Juwelen.

Der Alte Dom von Breschia, auch Rotonda genannt, war ursprünglich eine Kathedrale aus frühchristlicher Zeit. Der heutige Bau ist aus dem 12. Jahrhundert und beherbergt das beeindruckende Grabmal von Bischof Bernardo Maggi, dem Herrscher der Stadt, der im Jahr 1308 starb. Direkt daneben erhebt sich der barocke Neue Dom der Stadt mit seinen klassizistischen Tendenzen in der Deckenarchitektur.

Fahrradgenießer und ein ganz besonderes Restaurant

Wer gerne mit dem Fahrrad die Welt entdeckt, ist in der Region Brescia ebenfalls gut aufgehoben. Die Strecken sind meist eben, die Steigungen sanft und auch für ungeübte Radler beherrschbar. Das schönste: ausgebaute Radtouren führen an den vielen kleinen und großen Weingütern vorbei, die zu einem Zwischenstopp einladen.

Wer in die Gegend kommt, der sollte sich aber einen echten Genuss nicht entgehen lassen: In seinem Restaurant Due Colombe („Zwei Tauben“) in der alten Burg von Borgonato südlich des Iseosees kocht der vielleicht beste Koch der Region, Stefano Cerveni. Hier stimmt wirklich alles: Das vorzügliche Menü wird begleitet von Perlweinen aus der Franciacorta, serviert von einem perfekten Team – und das in einem einzigartigen Ambiente. Auf die Frage, wo er so gut Kochen gelernt hat, nennt Stefano an erster Stelle seine Großmutter, die ihre ganze Liebe in das hineingetan hat, was sie ihren Kindern und Enkeln auf den Tisch brachte. Auch diese Oma soll nicht immer einfach gewesen sein. Wie Fausto auf seinem Weingut. Der schaut bisweilen etwas streng, wenn seine Nachkommen nicht so tun, wie er es gewohnt war. Doch mit seiner Zunge und seinem Gaumen setzt er den Maßstab. Und erst wenn es ihm schmeckt, wissen alle: jetzt ist es gut genug!

 

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