Kairo: Die Eroberin

Kairo ist die pulsierende Metropole am Nil. Besonders jetzt lohnt ein Besuch

 

 

 

Mein Freund Wahid, aufgewachsen inmitten der Altstadt Kairos, kam 1989 erstmals nach Deutschland. Dass bald die Berliner Mauer fallen würde, davon ahnte noch niemand etwas an diesem kalten Tag im Februar. Sein neues Domizil in Deutschland lag in einem Großstadtvorort, das schon damals seine letzten Läden und Kneipen zu verlieren drohte – fast eine Art Schlafstadt, aber mit Tradition, abzulesen an den vereinzelten Fachwerkhäusern im alten Ortskern. Es war dunkel und kalt, Nieselregen tauchte die Straßen in ein fast unwirkliches Grau. Kein Mensch auf der Straße, nur ab und zu die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Autos. „Weißt Du, Fred“, hat er mir Jahre später in einer stillen Stunde anvertraut, „an diesem Abend bin ich mir vorgekommen wie lebendig begraben“.

Lebendig begraben? Heute kann ich ihn verstehen. Heute, das ist kurze Zeit nach der ägyptischen Revolution, die Teil der sogenannten Arabellion war und die immer noch nicht vollendet scheint. Wir sitzen vor dem Geschäft von Mohammed, Walids Freund aus Jugendtagen, der nicht weit von der Sultan-Hassan-Moschee Farben verkauft. Wobei der Begriff Geschäft etwas in die Irre führt. Die Ladenstraße, das sind mehrere aneinander gereihte Garagen vor allem mit Heimwerkerbedarf. Gegenüber im dritten Stock lugt eine in tiefes Schwarz gewandete Alte aus einem Brautmodengeschäft. Daneben ist ein Handyladen, ein Juwelier … Vor den Geschäften reihen sich Marktstände mit Lebensmitteln aller Art. Wir trinken eiskalte Cola und schauen auf das Treiben. Es hat den Anschein, als wollte ganz Kairo durch diese Straße. Dicht gedrängt schieben sich Menschen mit Einkaufstaschen zwischen den Gemüseständen durch. Ein Gashändler klappert mit dem Schraubenschlüssel auf die Gasflaschen auf der Ladefläche seines Pick-ups, um Kunden anzulocken. Kleine Jungs, kaum älter als zehn oder elf Jahre alt, knattern zu dritt oder viert aneinandergeklammert auf einem Moped durch die Menge. Ein Bus mit Touristen quält sich im Schneckentempo durch die Straße. Es riecht nach einer Mischung aus orientalischen Gewürzen und Zweitaktgemisch, ab und zu untermalt von Duftwolke aus Lack und Pinselreiniger von der Garage hinter uns. Hier pulsiert das Leben – und das um elf Uhr in der Nacht!

Wann schläft diese Stadt? Wann schlafen die Gassengören – auch in Ägypten gibt es schließlich so etwas wie eine Schulpflicht. Die alte Stadt am Nil mit ihren ungezählten Einwohnern ist schon bei Tage für einen Westeuropäer kaum zu verstehen. Bei Nacht ist sie ein Weltenrätsel nicht nur für alle aus den sonnenarmen Ländern. Wer diese Stadt nicht mit der Muttermilch in sich hineingezogen hat, wird sie vermutlich nie verstehen.

Al Kahira, „die Starke“ oder „die Eroberin“, lautet ihr arabischer Name. Hier leben bis zu 14.000 Menschen auf einem Quadratkilometer. Und weil Platz extrem knapp ist in Kairo, leben, ziehen Menschen selbst an seltsame Orte: man schätzt, dass auf den Friedhöfen der Stadt heute fast eine Viertelmillion Menschen leben. In der „Stadt der Toten“ südöstlich des islamischen Viertels haben sie die teilweise imposanten Grabmäler der verstorbenen Reichen vergangener Tage für sich erobert, manchmal umgebaut und mit modernen Annehmlichkeiten ausgestattet. Als im Mittelalter die Stadt Rom auf vielleicht 25.000 Einwohner geschrumpft war, hatte Kairo rund zwanzig Mal so viele. Sie war nacheinander Residenz von Fatimiden-Kalifen und Memelucken-Sultanen, die von hier aus über riesige Reiche in Nordafrika und Kleinasien herrschten.

In Kairo atmet man Orient. Und nicht nur das. Die Stadt ist ein Schmelztiegel, oder sie war es für Jahrhunderte. Immer wieder nahm die Stadt halbe Völkerscharen auf: Als zum Beispiel die Juden im 12. Jahrhundert von radikal-muslimischen Berbern aus dem südspanischen Andalusien vertrieben wurden, gingen viele von ihnen nicht nach Jerusalem, sondern nach Kairo, darunter der berühmte Arzt und Philosoph Maimonides. Und als Saddam Hussein 1991 seinen irakischen Nachbar Kuweit überfiel, war Kairo für viele wohlhabende Kuweitis der natürliche Dreh- und Anlaufpunkt im Exil.

„Stuttgart 21“ am Nil

So wie sie über die Jahrhunderte Einflüsse aus der ganzen Welt aufgenommen hat, so war die Stadt auch Inspiration für viele Künstler. Und für die ungewöhnlichsten Projekte. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass der Stuttgarter Hauptbahnhof, dessen Umbau zu einem Tiefbahnhof von Bürgerprotesten begleitet wird, auch auf eine ägyptische Inspiration zurückgeht? Auf einer Ägyptenreise 1913 hatte es Paul Bonatz, dem Architekten des Stuttgarter Kopfbahnhofs, besonders die Sultan-Hassan-Moschee in Kairo angetan, mehrere Zeichnungen aus seiner Hand zeugen davon. Aus den Iwane genannten Hallen an den Seiten des Hofes der Moschee entwickelte Bonatz seine offene Hallenkonstruktion, die sich in vielen von ihm gebauten Kirchen, aber auch in Profanbauten wie dem Stuttgarter Hauptbahnhof wiederfindet.

Überhaupt, die Sultan-Hassan-Moschee! Weithin sichtbar überragt sie die Altstadt Kairos. Die Moschee steht am Rand der mittelalterlichen Stadt, nahe der Zitadelle. Durch ihre Lage hatte der Bau auch eine strategische Bedeutung und wurde mehrmals von Aufständischen als Festung genutzt. Konzipiert war sie als größte Moschee der Welt – und das war sie auch für lange Zeit. Erst die Umwidmung der Hagia Sofia nach dem Fall Konstantinopels im Jahr 1452 ließ sie diesen Rang verlieren. Erbaut hat sie Sultan Hassan, der den Bau in seiner zweiten Regierungsperiode 1356 in Auftrag gab. Bereits vier Jahre später waren schon große Teile des Gebäudes fertig. Dann jedoch geschah ein Unglück: das Minarett stürzte ein und begrub zahlreiche Bauarbeiter unter sich. Das wurde als schlechtes Zeichen für den Erbauer ausgelegt, und tatsächlich wurde er genau 33 Tage nach dem Einsturz ermordet. Vermutlich wegen dieses bösen Omens wurde der Sultan nicht in dieser Moschee bestattet.

Nicht weniger imposant ist die Alabastermoschee auf der Zitadelle. Das Areal der Festung bietet einen fantastischen Blick über die Stadt. Hier erhält man einen Eindruck von den Ausmaßen dieser Metropole. Vom modernen Hochhaus bis zum verfallenen Hinterhof, vom Nil bis zu den Pyramiden, an die sich die Stadt fast wie ein Parasit „herangeschlichen“ hat, zeigt sich hier die Vielfalt der Kairos im Rundumblick.

Die Alabastermoschee und auch verschiedene andere große Moscheen können außerhalb der Zeiten des Gebetes besichtigt werden und zwar auch von Nicht-Muslimen, aber nur ohne Schuhe, die am Eingang abgestellt werden müssen und in angemessener Bekleidung. Sollte die Bekleidung nicht ausreichend sein, erhält man am Eingang einen Umhang.

Auch wenn Kairo eine islamische – vielleicht sogar die islamische Metropole schlechthin – ist, so drücken auch die anderen abrahamitischen Religionen der Stadt einen deutlichen Stempel auf. Immer wieder trieb es Juden aus der ganzen Welt nach Kairo, wo sie über viele Jahrhunderte in Frieden leben konnten – nicht immer, aber über lange Zeiträume. Heute ist der Anteil der Juden stark geschrumpft. Nur wenige hundert sind es nach offizieller Zählung. Darin enthalten sind nur die Juden, die sich in den jüdischen Gemeinden aktiv beteiligen. An die Zeiten, als die Juden eine wichtige Rolle in Wirtschaft und Kultur spielten, erinnern zahlreiche Synagogen, Hospitäler und Gemeindehäuser, aber auch verwaiste jüdische Schulen. Geblieben vom religiösen und kulturellen Leben ist ein kleines jüdisches Viertel, das Harat al-Yahud, in Kairo, nahe dem Viertel Muski, und ein riesiger Friedhof zwischen Maadi und Zentrum, eine Totenstadt aus dem 9. Jahrhundert, die sich über 850.000 Quadratmeter erstreckt. Es ist einer der bedeutendsten Friedhöfe der jüdischen Welt.

Die „wahren“ Ägypter

Vor allem die Kopten prägen das Bild des Christentums in Ägypten. Sie sehen sich als die „echten“ Ägypter, denn ihr Name leitet sich aus der griechischen Wurzel für das Wort Ägypten (Aigyptos ) ab. Die Kopten stellen zwar eine Minderheit, aber mit rund acht bis zehn Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung sind sie und ihre Bauwerke nicht zu übersehen. Die Markuskathedrale im Stadtteil Abbassia ist die zweitgrößte Kirche Afrikas, die Hängende Kirche in Alt-Kairo eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Christentums in der Stadt.

Das Leben in einer stark vom Islam geprägten Stadt ist für die Kopten nicht immer einfach. Einerseits wurde 2002 das koptische Weihnachtsfest in Ägypten zum offiziellen Feiertag erhoben, andererseits beklagen viele Kopten jedoch eine gesellschaftliche, aber auch staatliche Benachteiligung. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch bemängelte 2006, dass Ägypter, die vom Islam zu einer anderen Religion übertreten, verhaftet werden können. Behörden würden sich außerdem weigern, den Religionswechsel einzutragen. Neue Kirchen dürfen nur durch einen Präsidialerlass gebaut werden, auch für kleinere Reparaturen ist ein solcher notwendig.

Die Revolution 2011 hat die Situation der Menschen nicht einfacher gemacht. Durch die Wahlen und den neuen Präsidenten Mursi haben die Islamisten (Muslimbrüder und Salafisten) an Einfluss gewonnen. Und was sie nach den Jahren der Unterdrückung unter Mubarrak an Macht in Händen halten, wollen sie nicht wieder hergeben. Immer wieder flackern in Ägypten Unruhen auf, und Kairo im Brennpunkt des Geschehens ist davon nicht ausgenommen, im Gegenteil.

Das hat massive Auswirkungen auch auf den Tourismus. Es stellt sich die Frage, ob Kairo in solche bewegten Zeiten als Reiseziel überhaupt in Frage kommt. Das kann man – fast uneingeschränkt – mit Ja beantworten. Viele Sehenswürdigkeiten wie die Pyramiden, das Ägyptische Museum, der Markt El Khalili und die Zitadelle waren vor der „Arabellion“ in der Hochsaison geradezu überlaufen. Oftmals mussten Touristen Wartezeiten von bis zu zwei Stunden in sengender Sonne auf sich nehmen, um zum Beispiel in die Pyramiden zu kommen. Seit die Touristenströme nur noch spärlich fließen, kann man häufig direkt hineinlaufen. Einzig die Andenkenverkäufer, Droschkenkutscher und Kamelführer sind noch einen Tick aufdringlicher geworden, weil sich ihr Markt auf die wenigen verbliebenen Reisenden reduziert. Sie bilden aber die absolute Ausnahme, denn die Ägypter sind Ausländern gegenüber überaus höflich. Das gilt besonders auch für die Händler auf den anderen Märkten, die sich auf eine abweisende Handbewegung hin sofort respektvoll zurückziehen.

Weitere Informationen: www.egypt.travel oder telefonisch unter +49 (0) 69 / 25 21 53

Bitte beachten Sie die aktuellen Reisehinweise und –warnungen des Auswärtigen Amts (www.auswaertiges-amt.de).

 

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