Wo Katholiken zu Allah beten

Um das Jahr 60 nach Christus erlitt der Apostel Paulus Schiffbruch vor Malta. Der „katholischste Kleinstaat der Welt“ ist eine faszinierende Urlaubsinsel für Entdecker

 

 

Ich in einem kleinen Fischerboot, winzig wie eine Nussschale, direkt vor meiner Nase und fast zum Greifen nah ein Ozeanriese, wie man ihn sonst nur in weiter Entfernung am Horizont beobachten kann – man kommt sich verloren vor angesichts dieser Dimensionen. Eindrücklich ist mir dieses Erlebnis in Erinnerung. Und obwohl ich seither häufig am Meer Urlaub gemacht habe, bin ich nie wieder einem Giganten der Meere so nahe gekommen wie damals im Hafen von Valletta, der Hauptstadt Maltas.

Fast dreißig Jahre sind vergangen seit meinem letzten Besuch auf dieser faszinierenden Mittelmeerinsel. Vieles hat sich verändert, vieles ist aber gleich geblieben. Das betrifft vor allem die Dimensionen. Was anderswo ohne weiteres als Kathedrale durchgehen würde, ist hier meist eine normale Dorfkirche. Andererseits ist die Insel in ihren Abmessungen sehr überschaubar: Kaum einmal vierzig Kilometer sind es von einem Eck ins andere. Und weil das Mittelmeer an der Küste extrem abfällt, können selbst große Tanker und die Kreuzfahrtschiffe der Cruise Liner ohne Problem bis in den Hafen von Valletta einfahren.

Seit 2004 ist Malta Mitglied der EU, das kleinste Land der europäischen Staatengemeinschaft, denn mit seinen 400.000 Einwohnern auf nur 316 Quadratkilometern ist es noch kleiner als Luxemburg, das auf einer rund acht Mal so großen Fläche 450.000 Einwohner beherbergt. Die Sprache der Malteser ist semitisch, ja fast ein arabischer Dialekt, der in Lateinschrift geschrieben und gedruckt wird. Aber Malta ist auch das am meisten katholische Land der Europäischen Union und in Hunderten von Kirchen wird zu Allah gebetet, denn das arabische Wort Allah ist die Gottesbezeichnung für die Christen Maltas. Gefühlte 100 Prozent der Malteser sind katholisch – und mit seinem Gefühl liegt man da nicht schlecht, denn tatsächlich gehören nur zwei Prozent einer anderen Glaubensgemeinschaft an.

Zusammen mit den Philippinen gehörte Malta zu den Staaten, in denen die Ehescheidung per Gesetz verboten war. War. Denn just während meines Aufenthalts auf der Insel fand ein Referendum statt, bei dem eine knappe Mehrheit der Malteser für die Einführung eines Scheidungsrechts votierte. Damit geht eine Ära zu Ende. Doch das sind die Malteser fast schon gewohnt.

Denn Maltas Geschichte reicht mehr als 7.000 Jahre zurück in die Vergangenheit. Das maltesische Archipel – bestehend aus den Hauptinseln Malta, Gozo und Comino – erlebte in der jüngeren Steinzeit ein goldenes Zeitalter, von dem die über die Inseln verstreuten Megalithtempel zeugen. Einige davon sind älter als die berühmte Tempelanlage von Stonehenge. Später herrschten auf der strategisch gelegenen Inselgruppe die Phönizier, die Karthager, die Römer und schließlich für lange Zeit die Araber.

Als der Johanniterorden von den Osmanen von ihrem Sitz auf Rhodos vertrieben wurde, ließ er sich 1530 auf Malta nieder und bauten die Inselgruppe zu einer christlichen Festung im Mittelmeer aus. Auch hier versuchten die Türken, die Johanniter zu vertreiben, sie scheitern aber am Kampfeswillen der Ordensritter – und an der natürlichen Topografie. Denn das haben die Johanniter sofort erkannt: der felsige Untergrund und die schroffe Küste bilden eine ideale Basis für den Festungsbau.

Die „Große Belagerung“ der Türken scheitert 1565, und damit auch die weitere Expansion der Osmanen im Mittelmeer. Rund zweihundert Jahre lang prägen die Ordensritter die Gestalt der Inselgruppe. In der Hochzeit des Barock entstehen in Malta Bauwerke, die Ihresgleichen suchen. Da viele Ordensritter als zweit- oder drittgeborene Adlige auf den ererbten Titel ihres Hauses verzichten müssen, andererseits jedoch finanziell großzügig ausgestattet werden, verwirklichen sie sich in Stiftungen: So erhält manches Dorf als Kirche einen Prunkbau, der so gar nicht zur Bedeutung des Örtchens zu passen scheint.

Absoluter Höhepunkt ist jedoch die Co-Kathedrale Heiliger Johannes (St. John’s Co-Cathedral) in Valletta. Hier treffen barocker Prunk und orientalische Ornamentik aufeinander. Eingehüllt in ein Meer vergoldeter Formen und Ornamente verbindet sich hier das barocke Versprechen auf ewige Glückseligkeit mit dem Formenreichtum arabischer Kunst. In seiner Seitenkapelle hängen zwei Werke des Malers Michelangelo Merisi, besser bekannt unter dem Namen Caravaggio, darunter die „Enthauptung Johannes des Täufers“.

Mit dem Ende der Großen Belagerung beginnt auch der Aufschwung der kleinen Schwesterinsel Gozo (maltesisch: Freude), die über Jahrhunderte immer wieder von nordafrikanischen Sklavenjägern überfallen worden war. Die große Zitadelle im Zentrum der Insel war der Zufluchtsort der Bevölkerung, um sie herum wuchs unter dem Schutz der Ordensritter die Inselhauptstadt Victoria, benannt nach der britischen Königin.

„Kümmelchen“, so könnte man den Namen der winzigen Insel Comino übersetzen, denn er ist abgeleitet vom Wort „Cumin“, dem Kreuzkümmel, der hier einst angebaut wurde. Die kleine, autofreie Insel ist leicht zu Fuß zu erkunden. Comino ist auf Grund ihrer Lage ein Paradies für Taucher, Schnorchler und Windsurfer. Die Blaue Lagune ermöglicht ein sicheres Tauchen im türkisblauen Wasser.

Die schönen, unberührten Küsten und die atemberaubenden historischen Bauwerke haben die Inselgruppe als Kulisse aber auch für eine ganz andere Zielgruppe interessant gemacht. Auf Malta, Gozo und Comino wurden zahlreiche Hollywood-Kassenschlager wie „Gladiator“, „Der Graf von Monte Christo“ und „Troja“ gedreht. Die wichtigsten Regisseure und viele Hollywood-Stars wie Russel Crowe, Brad Pitt, Sharon Stone, Madonna und Sean Connery geben sich hier buchstäblich die Klinke in die Hand.

 

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